Beim Aschura-Fest ist Teilen das Wichtigste

„Wollen Sie auch eine Suppe?“ wurden überraschte Passanten am Nachmittag des 8. Oktober vor dem Rathaus Neukölln gefragt. Die Alevitische Gemeinde feierte erstmals öffentlich ihr Aschura-Fest und verteilte eine traditionelle Aschure-Suppe.


„Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft und das wollen wir auch zeigen“, erklärte Cemal Boyraz vom Vorstand des Vereins Sivasli Canlar bei der feierlichen Eröffnung. Rund  70 000 Alevit*innen leben in Berlin, doch über sie ist nur wenig bekannt. Das Aschura-Fest ist neben dem Opferfest der wichtigste religiöse Festtag und wird im Trauermonat Muharrem gefeiert. Zwölf Tage lang fasten und trauern die Gläubigen um die zwölf Imame, die bei der Schlacht um Kerbela 680 n. Chr. gestorben sind. Am 13. Tag wird dann die Aschure-Suppe gegessen, als Symbol der Dankbarkeit dafür, dass ein Nachfahre Mohammeds die Schlacht überlebte.

Die Zahl zwölf hat eine besondere Bedeutung

Die Frauen vom Verein haben einen riesigen Topf gekocht. Eigentlich handelt es sich eher um eine Süßspeise. Sie besteht aus zwölf Zutaten, darunter Nüsse, Rosinen, Aprikosen und Feigen. Cemal Boyraz und Filiz Karacayir vom Vorstand hatten in diesem Jahr die Idee, diese schöne Tradition auf die Straßen Neuköllns zu bringen. „Man isst die Suppe immer gemeinsam und verteilt sie auch in der Nachbarschaft“, erklärt Filiz Karacayir. Das Teilen und das Gemeinschaftliche sei das Wichtigste.

Die meisten Passanten, die sich die Suppe schmecken ließen, hatten noch nie etwas vom Aschura-Fest gehört. „Seid ihr überhaupt Muslime?“ wollte ein junger Mann wissen. „Sind wir, aber bei uns ist einiges anders“, erklärte ihm freundlich eine junge Frau vom Verein. Man sei liberaler und nicht so streng. So beten die Alevit*innen nicht in der Moschee, sondern in einem Versammlungshaus, und zwar Männer und Frauen gemeinsam. „Bei uns steht der Mensch im Vordergrund nicht der Koran“, sagt sie.
Der Verein Sivasli Canlar, der seine Räumlichkeiten in der Donaustraße 102 hat, pflegt die Kultur der Alevit*innen und führt außerdem soziale Projekte durch.