Raus aus den Galerien, rein in den Alltag - 48 Stunden Neukölln 2018

Kraniche-Falten vorm Rathaus, Installationen im U-Bahnhof oder Ausstellungen im Alten Finanzamt – das Festival „48 Stunden Neukölln“ brachte wieder mal Schräges, Schönes und Kreatives auf Neuköllns Straßen und Plätze


Nach dem Motto „Kunst ist überall“ finden die Ausstellungen, Lesungen, Performances und Mitmachaktionen nämlich nicht nur in Galerien und anderen klassischen Ausstellungsorten statt, sondern auch in Kneipen, Kirchen, Geschäften und Schrebergärten. Oder mitten auf dem Platz vor dem Rathaus Neukölln, wo in diesem Jahr ein Kiez-Kids-Markt aufgebaut war. An den von Kindern und Jugendlichen gestalteten Marktständen konnte man unter anderem Jutebeutel mit Stempeln bedrucken oder beim Origami-Workshop Kraniche und Frösche falten. Das Origami-Team, bestehend aus geflüchteten und nicht-geflüchteten Berliner*innen, half nicht nur Kindern, kleine Faltwunder zu schaffen. Auch erwachsene Passant*innen, darunter einige Seniorinnen, setzten sich spontan mit an den Tisch und ließen sich die Kunst des Papier-Faltens zeigen.

Mobiles Reisebüro für Kinder

Außerdem stand auf dem Rathausvorplatz ein Wohnwagen, in dem man sich Tipps zu anderen Festivalorten holen konnte. In dem mobilen Reisezentrum „Echo“ wurden auch Audio-Guides vorgestellt, die Schüler*innen der Fritz-Karsen-Schule für die U7 und die Hufeisensiedlung gemacht hatten. Direkt daneben sprach die Regisseurin Anna Caroline Arndt vorbeilaufende Jugendliche an und bat sie um ein Statement zur Gentrifizierung. „Die meisten kannten den Begriff nicht, aber sie alle erleben den Wandel in Neukölln“, erzählt die Filmmacherin. Die bewegten Bilder, die dabei entstanden, so genannte Live-Gifs, montierte sie als eine Art-Endlos-Schleife oder Loop auf ihrem Laptop. „Auch die Gentrifizierung ist ja ein Kreislauf“, erklärt sie. Die Aktion war der den Auftakt zur „Reality“- Sommerakademie, die im Juli 2018 in Zusammenarbeit mit den Young Arts Neukölln stattfinden und sich filmisch mit Kunst und Stadtwandel beschäftigen wird.

Ein Stadtplan to go für Kinder

Natürlich gab es auch in den Räumlichkeiten des Young Arts allerhand Kreatives von Neuköllner Kids zu bestaunen, etwa Staubsauger aus Recycling-Materialien, bunte Bildcollagen oder phantasievolle Lampengebilde. Sie sind im Rahmen von Workshops entstanden, zum Teil mit Schulklassen. Die Kreativ- und Kunstwerkstätten des Young Arts befinden sich in der Donaustraße 42. Dort liegt auch der neue Stadtplan „Neukölln To Go“ aus. Er wurde von einem Künstlerkollektiv in Rahmen eines Ferienprojekts gemacht und verzeichnet neben Adressen von Mädchentreffs, Skateparks und Fußballplätzen auch Eisdielen, Schwimmbäder und was sonst noch wichtig ist für Kids. Mitgemacht haben Neuköllner Kinder mit und ohne Fluchthintergrund (www.neukoelln-to-go.wixsite.com/info)

 

Auf du und du mit den Künstlern

In diesem Jahr feierten die 48 Stunden ihr 20-jähriges Jubiläum. Einst als kleines Underground-Event gestartet, um Neuköllns Negativ-Image etwas entgegenzusetzen, ist es längst über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt. Über 1200 Künstler*innen aller Sparten beteiligten sich. Motto war in diesem Jahr die „Neue Echtheit“. Es ging um „Fake News“, um Originale und Fälschungen und um das Authentische im digitalen Zeitalter. Zum besonderen Charme des Festivals gehört es, dass man mit den Künstler*innen direkt ins Gespräch kommt. So konnte man sich in der Leopold Manufaktur in der Donaustraße 101 nicht nur Kunstobjekte aus Messing, Stahl und Kupfer anschauen, sondern den anwesenden Künstler auch mit Fragen löchern. Um die Ecke, in der Schönstedtstraße 13, hatten 20 Ateliers auf vier Etagen ihre Türen geöffnet. Im Erdgeschoss konnte man dem Bildhauer Simon P. Schreiber bei der Arbeit über die Schulter schauen. Auch er beantwortete gern Fragen zu seinen Skulpturen und zu seiner wirtschaftlichen Existenz. Es sei schwieriger geworden, von seiner Kunst leben zu können, sagt er. Aber er ist froh, ein bezahlbares Atelier in dieser Lage zu haben.

48 Stunden Neukölln ist nicht nur Berlins größtes freies Kunstfestival, sondern auch das Ärmste, heißt es bei der Veranstalterin, dem Kulturnetzwerk Neukölln e.V. Immerhin gab es in diesem Jahr erstmals eine finanzielle Förderung vom Senat, so dass Künstlerhonorare gezahlt werden konnten.

 

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