Auf den Spuren widerständiger Frauen in Nord-Neukölln
Die geführten Stadtspaziergänge als ein Dankeschön für die ehrenamtlich Engagierten haben im Donaukiez mittlerweile Tradition. Im vorletzten Jahr hatte das Quartiersmanagement-Team zu einer kulinarischen Frauentour geladen, im letzten Jahr konnte man Neukölln mit den Augen eines Geflüchteten erleben. An diesem trüben Novembernachmittag ging es um Frauen im Widerstand gegen das NS-Regime. Über ihr Wirken ist immer noch viel zu wenig bekannt, erklärte die Stadtführerin und Historikerin Trille Schünke-Bettinger. In der Geschichtsschreibung gelten sie oft als „Frau von“ oder „Schwester von“. Dabei haben sie im Widerstand eine aktive Rolle eingenommen und viel riskiert. Trille Schünke-Bettinger möchte, dass die „Antifaschistinnen aus Anstand“, so der Name ihres Blogs, nicht in Vergessenheit geraten.
Kampf gegen § 218 statt Gebärzwang
Treffpunkt und Start des Rundgangs mit Trille Schünke-Bettinger war das Rathaus Neukölln, wo ein Multimedia-Gedenkort an Opfer des Faschismus erinnert. Weit weniger bekannt ist, dass sich am Seitengang des Rathauses, in der Erkstraße, bis zur Machtergreifung der Nazis eine Sexualberatungsstelle befand. Aufklärung über Verhütung und Abtreibung war natürlich gar nicht im Sinne der neuen Machthaber und so wurde die Einrichtung sofort in eine „Rassenberatungsstelle“ umfunktioniert. Einige Mitarbeiterinnen schafften es in allerletzter Minute, die Akten mit den sensiblen Daten wegzuschaffen.
Helene Nathans Traum: Bildung für alle
Anschließend marschierte die Gruppe in die Ganghofer Straße 3-5. Hier im Hinterhof war einst die Stadtbibliothek Neukölln untergebracht. Leiterin war ab 1921 die Jüdin und Sozialdemokratin Helene Nathan, nach der die heutige Bibliothek in den Neukölln Arcaden benannt ist. Helene Nathan verstand ihre Arbeit als bildungspolitisches Instrument. Gerade hier, im Arbeiterbezirk Neukölln, wollte sie die Bibliothek für Kinder und Arbeiterfamilien öffnen. 1933 wurde sie entlassen, ebenso wie ihre Kollegin Elli Fuchs. Diese eröffnete dann zusammen mit ihrem Mann Erich Ziegler eine Leihbibliothek in der Weserstraße. Der Keller der Leihbibliothek wurde ein wichtiger Treffpunkt, wo konspirative Kreise Aktionen planten, verbotene Bücher aufbewahrten und Flugblätter druckten. Die Leihbibliothek wurde mehrfach von der Gestapo durchsucht, doch erst 1939 flog die Gruppe auf. Elli musste zuerst ins Gefängnis und wurde dann ins Konzentrationslager Ravensbrück überstellt, wo sie Ende April 1945 befreit wurde.
Eine Neuköllner Revolutionärin
Nur ein paar Hundert Meter weiter, in der Innstraße 24, befindet sich ein Stolperstein für eine der schillerndsten Persönlichkeiten dieser Zeit: Olga Benario. In diesem Haus wohnte die jüdische Anwaltstochter aus München als 16-Jährige. Sie war im Kommunistischen Jugendverband aktiv und machte durch eine geglückte Befreiungsaktion aus dem Moabiter Kriminalgericht Schlagzeilen. Olga Benarios Schicksal ist tragisch. Von ihrem Exil in Brasilien wurde sie hochschwanger an die Nazis ausgeliefert. 1942, ein Jahr nachdem sie in der Haftanstalt ihre Tochter zur Welt gebracht hat, wurde sie in einer „Psychiatrischen Klinik“ in Bernburg vergast. Die Tochter konnte gerettet werden.
Kaffeekränzchen als Tarnung
Es war schon dunkel geworden, als die Teilnehmerinnen der Führung – es waren tatsächlich nur Frauen – am Eckhaus Donau-/Ecke Berthelsdorfer Straße Halt machten. Hier erzählte Trille Schünke-Bettinger von Gertrud Rosenmeyer, die in diesem Haus zeitweise lebte. „Trudi“, Arbeiterin, Kommunistin und Gewerkschafterin, war bestens vernetzt. Sie verbreitete Flugblätter, wirkte als Verbindungsfrau und unterstützte Verfolgte. Obwohl sie mehrfach verhaftet wurde, gelang es der Gestapo nie, ihr ihre illegalen Tätigkeiten nachzuweisen. Dass Frauen damals ein aktiver Widerstandskampf nicht zugetraut wurde, nutzte sie geschickt aus. So wurden geheime Treffen als harmlose „Kaffeekränzchen“ ausgegeben.
Die interessante und lehrreiche Tour endete in der Galerie Olga Benario in der Richardstraße 104. Die Galerie versteht sich als Ausstellungs- und Veranstaltungsort. Regelmäßig gibt es Lesungen und Vorträge zum Thema Antifaschismus und Widerstand. Bei kalten und heißen Getränken sowie Falafel-Sandwiches ließ die Gruppe den Abend ausklingen.
Webredaktion















